Reclaim Your Streets Again!

Vollständiger_Aufruf_zur_Nachttanzdemo_2004

Author: Nachtanzdemo
Date: Aug 20, 2004
Views: 2338

Multikulturell - ein viel benutzter und stark
strapazierter Begriff, der fuer
Weltoffenheit, Toleranz und gegen-seitige Akzeptanz
steht und es gibt
diverse Veranstaltungen in Frankfurt, die sich
diesem Credo ver-schrieben
haben. Events wie Sound of Frankfurt, das Rosen- und
Lich-terfest, die
Parade der Kulturen und das Museums-uferfest tragen
ein Stueck
multi-kul-turel-les Erbe weiter und sind attraktiver
Bestand-teil der
Kulturlandschaft Frankfurts. Auch
Sport-veran-stal-tungen wie das Radrennen
rund um den Henningerturm und Ironman tragen
medien-wirksam mit dazu bei,
die Attraktivitaet des Standortes Frank-furt zu
erhoehen.
Und genau darum geht es: Der Wirt-schafts-standort
Frankfurt muss an
Attraktivitaet ge-winnen.

Die Etats der Staedte und Gemeinden sind jedoch in
den letzten Jah-ren derart
gekuerzt worden, dass der Bereich Kultur, neben
Bildung und Sozialem ein
Zu-schuss-bereich, wohl eher als magersuechtiges
Ge-spenst durch die Poli-tik
geistert. Bei naeherer Betrachtung unter
Berueck-sichtigung der
Interessen-sgrup-pen, die den Be-griff
\"multi-kul-turell\" hin und wieder
bemuehen, wird schnell deutlich, dass es meist nicht
da-rum geht, Kulturen zu
verstehen, zu re-spektieren und zu integrieren, ohne
dabei ihre
Eigen-staen-digkeit und Individu-alitaet zu
unter-graben. Viel-mehr geht es
oft genug nur darum, sich auf dem globalen
Schlachtfeld zwischen
Konkur-renz-kampf und Diplomatie als
aufge-schlos-sen, sozial und tolerant
zu praesentieren. Dies wird dann mit
Symptombehandlungen und Verboten
verifiziert.

Im folgenden Beispiele, die wohl eher nicht zum
multi- bzw. interkulturellen
Ruhm beitragen.
In Frankfurt wurden in den letzten Jahren sehr viele
Jugendhaeuser
ge-schlossen, vornehmlich die mit einem ho-hen
Anteil auslaendischer
Jugendlicher. Das ehe-malige Jugendhaus am
Sued-bahn-hof beherbergt jetzt ein
Fitness-zentrum. Das Jugendhaus Roedelheim wur-de von
einem aehn-lichen
Schicksal getroffen. An den Schulen herrschen
teil-weise katastrophale
Zustaende. Klas-sen-staerken von mehr als 30
SchuelerInnen zum Beispiel auch am
renom-mierten Goethe-Gym-nasium sind keine
Selten-heit. Wer nicht in\'s
Schema passt, faellt unweigerlich raus, da die
Kapazitaet fehlt, um sich mit
\"Normab-wei-chungen\" aus-einandersetzen zu koennen.
Darueber kann auch kein
neuer Innenanstrich hinwegtaeuschen. Im Be-reich
Kultur sieht es nicht besser
aus. So hat die Stadtverwaltung beispiels-weise den
Zu-schuss fuer die
\"Akademie der dar-stel-len-den Kuenste\" sukzessive
bis auf 8000 ? jaehr-lich
ge-kuerzt. Im Jahr 2004 wurden die Mittel ganz
gestrichen. Konsequenz: Umzug
der Aka-de-mie nach mehr als vierzig Jahren von
Frank-furt nach Bensheim.

Multikulturelles Frankfurt heisst also auch
Vernachlaessigung bzw.Vertreibung
all dessen, was keinen sig-nifikan-ten Image- oder
Geldgewinn (mehr) zu
bringen scheint oder was nicht in\'s Bild der
modernen Stadt von Welt passt.
Das heisst nach wie vor rassistisch anmutende
Kon-trollen im Innestadtbereich
und am Einlass einiger Clubs, Schliessung alternativer
Veranstal-tungs-orte,
Kriminal-isie-rung von Par-ties und deren
BesucherInnen, Ver-treibung von
Wohn-sitz-losen, Il-legalisierung von alternativen
Wohnprojekten,
Abschiebung von Fluecht-lingen, etc.

Die repressive Politik gegenueber unkom-mer-zieller
Kultur ist die
konsequente Fortsetzung dieser Standort- und
Stadtpoli-tik.
Al-ternativangebote gibt es immer weniger, denn die
Auflagen, die mit der
Durchfuehrung von Ver-an--stal-tungen ver-bunden
sind, stellen die
Realisierung selbiger nicht selten in Frage. So
nehmen einerseits aus
Geldmangel und andererseits im In-teresse der
Image-auf-besserung oft nur
kulturelle Angebote in Form von kom-mer-ziellen
(Gross-)Veran-stal-tungen zu,
wie den Konzerten auf dem Opernplatz, zu. Der
Opernplatz, ein oeffentlicher
Raum, wie er oeffentlicher kaum sein koennte, wird
hier zum Sinnbild der
Privatisierungs- und Kommerzialisierungspolitik der
Stadt, in nur noch das
stattfindet, was Geld bringt und nur noch der
bleiben darf, der zahlt.

Dies sind die Seiten der selben Medaille - auf der
einen Seite versammelt
sich das Geld und damit Macht, auf der an-deren
Seite bleiben Menschen mit
ihren Schicksalen und Ideen auf der Strecke. Nicht,
weil sie schlecht sind,
sondern weil sie keine Lobby und damit keinen
(politischen) Einfluss haben.

Unabhaengige Veranstaltungen abseits vom Main-stream
sind nur mit sehr viel
Eigen-initiative und privaten In-vestitionen
moeglich, da von oef-fentlicher
Hand finanzielle Mittel hier-fuer nur selten oder
nicht vorgesehen sind. Dies
schlaegt sich unter anderem darin nieder, dass viele
Ver-an-staltungen von
Zuschuessen aus der Wirtschaft ab-haengig sind
(Spon-soring) bzw. von
Un-ternehmen komplett ausgerichtet werden.

Infolgedessen werden Marken und deren Image immer
wichtiger und obwohl uns
ein ameri-ka-nischer Getraenke-ver-kaeufer glauben
machen will, dass Image
nichts sei, leben wir doch in einer Ge-sellschaft
des \"Scheinens\". Du bist
dabei, solange die Fassade stimmt und be-zahlt wird
mit dem guten Namen. Zum
Zwecke der Selbstbe-stae-tigung wird ein
X-Showergel-Event veranstaltet und
der \"Typ mit Aus-strah-lung\" gesucht, der \"seinen
delikaten Auftrag im
Beachclub\" erfuellt. Haupt-sache er ist ge-duscht,
dann klappt das schon -
solange er nur das richtige Duschzeug be-nutzt. Hier
wird eine
Pseudo-realitaet erzeugt. Ein Spektakel - auf-gefuehrt
in, mit und von der
Ge-sell-schaft des Spek-takels. Alle sind
Mitwirkende - als Zuschauende und
scheinbar frei Agierende zu-gleich, denn das
Spektakel benoetigt kein
Publikum. Es existiert aus reinem Selbst-zweck und
das Drehbuch steht fest.

Allerdings ist ein lebendiges, alternatives,
unabhaengiges und werbefreies
Kulturleben abseits vom kom-mer-ziel-len Mainstream
durch keine gecastete
Band zu ersetzen, denn nicht selten kommen
ent-schei-dende kulturelle
Im-pulse aus dem Unter-grund. Ohne freischaffende
und -denkende Kulturszene
waere unser Land um einiges aer-mer. Von
wirt-schaft-lichen und/oder
politischen Interessen geleitete Kul-tur-politik und
der damit initiierte
bzw. dik-tierte Ge-schmack (und sei er noch so
lecker) fuehrt letztlich zu
Monokultur und damit zu Stillstand und zur Veroedung
der Kulturlandschaft.
Die deutsche Ge-schichte weist diesbezueglich
Bei-spiele auf, die zumindest
be-merkenswert er-scheinen.

Kultur kann sich nur in Freiheit wirklich frei
entwickeln. Die Freiheit der
Kultur von wirt-schaft-lichen Interessen ist die
Grundvoraussetzung fuer eine
gesunde, sich weiter-entwickelnde, kul-turel-le
Identitaet und ein
angemessenes kulturelles Selbstbewusstsein. Diese
Identitaet allerdings wird
mit jedem neuen, gespon-ser-tem Beachclub, der aus
dem meist vorher nicht
vorhandenem Strand gestampft wird, einmal mehr in
die Kanal-isation gespuelt.
Das kul-turelle Selbstbewusstsein liegt derweil als
Spritz--schutz vor dem
Becken und intoniert \"Haenschen Klein 2004\".

Dieser Entwicklung entschieden entgegenzutreten ist
erklaertes Ziel der
Initiative kulturOffensive, die sich aus politischen
Gruppen, Vereinen und
Clubs verschiedenster coleur gegruendet hat.

Fester Bestandteil dieses Entgegentretens ist die
NachtTanzDemo - ein
Signal, das aufmerk-sam machen will auf die
Situation, ein hoerbarer
Lichtstrahl im Dunkel der aktuellen Kul-tur-politik.

Die NachtTanzDemo ist das Einklagen des Rechtes auf
einen eigenen Geschmack,
auf Viel-falt und eine unkommerzielle, freie
Kultur-landschaft.

NachtTanzDemo.04 \"reclaim your streets again\"

Datum:03.09.2004
Uhrzeit: 19.00 Uhr bis 0.00 Uhr
Startpunkt: Zoo (Auftaktkundgebung)
Route: Zoo (Alfred-Brehm-Platz), Pfingstweidstrasse,
Zeil, Konstablerwache,
Kurt-Schumacher-Strasse, Battonnstrasse, Berliner
Strasse, Friedensstrasse,
Rossmarkt, Hauptwache, Biebergasse, Grosse
Gallusstrasse, Taunustor,
Gallusanlage, Untermainanlage, Untermainbruecke,
Schaumainkai,
Friedensbruecke, Baselerstrasse, Am Hauptbahnhof,
Duesseldorfer Strasse, Mainzer
Landstrasse, Gueterplatz


NachtTanzDemo 2004 wird unterstuetzt von:
ALICE - The Drug- and Culture-Project,
andCompany&Co, antifa.jugend.ffm,
autonome.antifa [f], AU Veranstaltungsgruppe, Beatz
against fascism,
Bembelterror, DGB Jugend Frankfurt, Club Kiew,
Connecta, Dionysos e.V.,
Dj-Kaffeekraenzchen, ExCantina, Exil, Exzess,
Frankfurter Schule,
JungdemokratInnen/Junge Linke Frankfurt, KomistA,
main|stromkultur, Monsun
Crew, Nordbar, Playground, Psylofant-Records,
*raumstation roedelheim*,
StadtschuelerInnenRat, sterneck.net, Space Frogz,
Tripbeat, underground
source, Untergrund Navigator, Volkstanzkomitee,
Wagenplatz Roedelheim im Exil

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