Goa - eine Sekte ?

Author: matt604
Date: Jul 20, 2005
Views: 4793

Date: July 20, 2005
Text: matt604 -

„Goa - ist das eigentlich ne Sekte?“ – lautete die Frage meines Vaters, als er mich und eine Freundin zum Flughafen brachte (auf dem Weg zum Boom). Er hatte -nachdem ich auf seinem Computer im Internet gesurft war- seiner Neugier nachgegeben und einen Blick auf einige der von mir angewählten Seiten geworfen (Elfenforum, Goabase, Boomsite…).
Während ich noch verlegen lachte um Zeit zu gewinnen und dabei überlegte wie man das jetzt am Besten beantworten könnte, kam es bereits aus dem Mund meiner Bekannten geschossen: „Sicher ist das ne Sekte!“…
Scientology, Zeugen Jehovas, Mun-Sekte, Psytrance?
Na ja, vielleicht nicht das was man unter einer klassischen Sekte versteht, weil ohne Führerpersönlichkeit, ohne Gottheit, ohne Machtstruktur und festgelegte Verhaltensriten. Aber für „außenstehende“ kann durchaus der Eindruck entstehen, jemand der plötzlich nur mehr auf Goa Parties geht, wäre einer Sekte verfallen. Weil man eben nicht nur plötzlich andere Musik hört, sondern sich bei Vielen auch etwas bezüglich Lebenseinstellung und Wertvorstellungen tut.
Bei vielen Leuten ändert das intensive Erleben der Musik, die Gemeinschaft, das allwöchentliche „aussteigen“ aus dem Alltagstrott und auch psychedelische Erfahrungen den Blick und das Verhältnis zur sogenannten „normalen“ Welt. Dinge die bisher enorm wichtig waren und vom Groß der Gesellschaft als wichtig angesehen werden, sind es plötzlich nicht mehr. Geld, Karriere, neues Auto, schicke Klamotten, Konsumwahn, all das erscheint plötzlich in einem anderen Licht, weil man jedes Wochenende in einer Welt lebt, in der es auf diese Dinge nicht ankommt. Immer wenn möglich, zieht man sich zurück, in eine Welt in der man eine besondere Freiheit und ein miteinander erlebt, im Gegensatz zu den Zwängen, Verpflichtungen und Misstrauen, denen man oft im täglichen Leben ausgesetzt ist.
Aber bringt einen das weiter oder macht es in Wahrheit nur das Leben schwer?
Oft wäre es ja viel einfacher sich anzupassen, mit dem Strom zu schwimmen und mit den Dingen glücklich zu sein die halt im Allgemeinen als „glücklich machend“ anerkannt sind.
Oder ist das Ganze sowieso nur eine Phase? Wie die Zeit mit sechzehn, als man lange Haare und schwarze T-Shirts trug und Lieder hörte, deren Texte auch als Drehbuch eines Horrorfilms durchgehen würde? (das war kurz nach der Phase, die im übrigen jetzt noch daran schuld ist, das wir vor Freude ausflippen wenn der DJ ein Sample von AC/DC einspielt. )
Und ist die Goa-Phase erst mal vorbei, was kommt dann? Sitzen wir in ein paar Jahren genauso wie alle anderen jeden Abend vor der Glotze - der supertollen 140cm Flachbildschirm-DolbySurround-und –wasweißichwasfürnscheiß-Glotze, um uns anzusehen wie sich irgendwelche armen Schweine vor Arabella oder anderen, Anteilnahme heuchelnden Moderatoren zum Trottel machen? Mit einem 40h Job, Streß am Muttertag und einem Kredit für Haus, Wohnung oder das tolle neue Auto - ohne Möglichkeit oder gar ohne den Willen etwas zu ändern?
Viele Fraggles meinen dann: „Nein, sicher nicht; so ein Leben kommt für mich niemals in Frage!“
Einfach NEIN sagen?
Manche wagen sogar den Sprung und trennen sich von der üblichen, gesellschaftlich respektierten Art ein Leben zu führen.
Sagen NEIN!! zu Wohnungskredit, jeden Tag nine-to-five, Karriere machen, Sportverein, Pensionsvorsorge.
Und sagen JA!! zu „jeder Tag bringt was neues“, arbeiten wo sich was ergibt, wohnen ständig irgendwo anders oder gondeln als „Traveller“ durch die Weltgeschichte, verbringen die Winter in Indien, Thailand oder sonst wo (hauptsache warm und nicht so grau wie hier). Für jene die diesen Sprung schaffen, ist das meist ein Wechsel der zwar eine ungewisse Zukunft aber auch Freiheit und Lebensfreude mit sich bringt, gleich einem Ausbruch aus einem Gefängnis, das zwar offene Türen hatte, man aber bisher nicht mutig genug war um hindurchzugehen.
Aber nicht jeder ist für so was geschaffen. Es fällt nicht leicht, all die Sicherheiten loszulassen und sich quasi außerhalb der allgemein akzeptierten Gesellschaft zu stellen. Man kämpft da ja auch gegen eine jahrelange Gehirnwäsche. Gegen innere Normen und Werte, die man übernommen hat als man noch nicht selbst erkannte oder entscheiden konnte was wichtig und gut für einen ist.
Und nicht jeder hat das Talent sich immer und überall durchzuschlagen oder auch nur das Selbstvertrauen es zu versuchen.
Aber dann muss man ja auch nicht gleich aufs Ganze gehen. Es ist auch möglich einen Kompromiss zu finden. Das Beste aus den „zwei Welten“ zu nehmen und seinen eigenen Weg zu finden. Die Kraft, die man von den Parties in die Arbeitswoche mitnimmt und das Wissen, dass alles auch ganz anders sein kann, gibt einem Antrieb und Energie für den Rest der Woche. Das führt dann zwar zu einer Art Doppelleben: Vor Familie und Arbeitskollegen immer adrett und „korrekt“ und am Wochende „Fluro -Shirt“, Trance und Wasserpfeife.
Aber es kann eine Menge Spaß machen im Büro zu sitzen, den Kollegen zuzusehen, und zu denken: „wenn ihr wüsstet, *hehe* (z.B dass ich vor nicht mal 24h halbnackt, mit Asche und Schlamm beschmiert im Regen getanzt habe und völlig eins mit dem Universum war)“. Aber anderseits, wer weiß schon wirklich, was der stocksteife, erzkonservative Hr.Müller von der Rechnungsabteilung an seinen freien Wochenenden treibt…. („*hehe*, wenn der wüsste das ich die ganze Zeit hinter ihm getanzt habe“).
Also, um zum Anfang zurück zu kehren: Sekte ist sicher der falsche Ausdruck. Aber wie sehr oder wie wenig jemand die Erfahrungen die er macht und die Erkenntnisse die er hat, auch in sein Leben einfließen läßt, kaum jemand der wirklich eine Zeit lang Teil dieser Szene war, bleibt der Mensch der er vorher war.
Und das Gespräch im Auto?
Wie man sieht: über das Thema könnte man stundenlang reden und man kommt schnell vom Hundertsten ins Tausendste.
Und na ja, wir hatten nur ein paar Minuten, der Flughafen war schon in Sichtweite. So zog ich die einfachere Variante vor:
„Eine Sekte? Ach was, das ist einfach nur eine Musikrichtung – wie Metal, Rap oder Pop…”

( matt604- aus der Psyontologie Zone www.psyevents.at/matt604 )

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